Das Letzte

Zu fünf Monaten auf Sizilien habe ich jüngst in meinem Hauptblog unter www.helmut-buettner.de ein Fazit gezogen, dieses Blog ist hiermit in den Ruhestand entlassen und darf archiviert werden. Vielen Dank für’s mitlesen, flattern und kommentieren!

Mit einem Bein daheim

In vier Tagen geht mein Flug, zurück nach Deutschland, nach fünf Monaten Sizilien. Für ein Fazit ist es sicher noch zu früh, gerade richtig liege ich zeitlich aber damit, all das zu machen, was ich eigentlich noch schaffen wollte. Dabei ist einen Geocache verstecken und Catania besuchen schon hinten herunter gefallen und auf den nächsten Urlaub verschoben worden, zumindest werde ich aber noch einmal ins Teatro Massimo gehen, habe bereits Cefalu besucht und werde mir die Villa Palagonia in Bagheria anschauen, die Goethe damals absolut abschleulich fand. Genug zu tun also für die Zeit, in der ich mit einem Bein schon in der Heimat bin.

20: Abschied mit Torte

(Eine Mutter hat mir eine Torte gebacken und mich samt Windelkind, Ball und Italienisch-Wörterbuch aus Zucker nachgebildet. Völlig unfassbar und sehr grandios.)

Endzeitstimmung

Das Schöne am Ende ist der abfallende Druck, die immer bewusster werdende Klarheit, dass meine Zeit in Sizilien demnächst abgelaufen ist. Da zähle ich auf der einen Seite die Tage, die es noch dauert bis ich Familie und Freunde wieder persönlich begrüßen kann und kann auf der Arbeit noch mal aus den Vollen schöpfen, weil: Ach, was soll’s.

Also wird fleißig mit Salzteig (pasta di sale) herumgeknetet, um daraus Schneemänner (pupazzi di neve) und andere Monster zu bauen. Hinter mir wollen noch fünf andere Kinder mitmachen, quängeln, drängeln, ich vertröste alle freundlich mit Verweis auf die nächsten Tage, die alle unter einem Stern aus Salzteig stehen werden. Für jedes Kind noch einmal genau die Zeit nehmen, die es braucht um mit dem Material das zu machen, was es will und dabei vieles andere ausblenden, was sonst meinen Tag bestimmt. Das ist sicher kein Rezept für den Alltag, aber bestimmt ein Rezept für positive Erinnerungen an den Abschied von fünf Monaten Arbeit mit vielen liebgewonnenen Kindern.

Kindergeburtstag

Als mir beim ersten Kindergeburtstag in der Kita Kartoffelchips angeboten wurden hielt ich das noch für einen schlechten Scherz, mittlerweile weiß ich, dass patatine und pop corn (gesalzen, natürlich) zu einem klassischen Kinderfrühstück am Jubiläumstag gehören, gerne ergänzt durch einen bunten Salzstangenmix. Danach kommt dann meist ein Sandkuchen aus der Pasticceria, den wiederum sehr oft die Mutter anschneidet, die nur deswegen und um ein paar unvergessliche Fotos zu machen noch mal in den Kindergarten kommt und nach wenigen Minuten wieder geht. Kerze ausblasen, applaudieren, herumkrümeln und in alle Richtungen wegrennen. Danach ist für das Jubliäumskind wieder ein ganz normaler Tag. Tolles Essen reicht ja auch, man muss es nicht übertreiben.

lutto

Als ich morgens zu meinem Wochenendbäcker laufe sind die Rollläden heruntergelassen, “chiuso per lutto” steht draußen dran. Ich kenne das Wort nicht, weiß aber, dass ich jetzt weitere zwanzig Minuten laufen muss, um an vernünftige Süßwaren zum Frühstück zu kommen.

Nachmittags, als ich noch mal zum Obsthändler schlendere, hat der seine Rollläden halb heruntergelassen, genau so wie der Supermarkt nebenan und jedes andere sichtbare Geschäft. Auf der Straße sperrt ein schwarzer Mercedes alles entgegen der Fahrtrichtung ab, erst ein paar Momente später sehe ich den noch größeren und zum Sargfahrzeug aufgebockten Mercedes samt kleiner Trauergemeinde durch die Dorfstraße fahren. Im Schrittempo legt das Auto vor, das bunt gekleidete Volk dahinter läuft andächtig und still hinterher. Als die Trauergemeinde vorbei ist werden die Rolläden nach und nach wieder hochgelassen, zuletzt bei meinem Obsthändler. Zuhause schaue ich lutto bei Leo nach, es bedeutet Trauerfall.

(Der in tieferen Gebieten Siziliens übliche Brauch, jeden Todesfall mit Plakaten im ganzen Dorf zu verkünden, ist in der Nähe Palermo jedenfalls größtenteils aus der Mode gekommen. Darüber habe ich mich anfangs geärgert, bin aber nun heilfroh, dass mein Ort doch etwas moderner als das Hinterland ist.)

Rom

Rom ist für mich natürlich so etwas wie der “Diese Städt hätten sie auch haben können”-Joker. Mein Stipendium hätte für ganz Italien gegolten, wäre aber, so viel kann ich sagen, in Rom deutlich schneller alle gewesen. Gerade deshalb habe ich die drei Tage Urlaub in Rom so unglaublich genossen und diesen Duft von Weltstadt aufgesogen, bevor es noch einmal für drei Wochen in die sizilianische Provinz zurückgeht.

Es ist mein Wiedereintritt in den Teil der Welt, der manchmal auch Englisch spricht, in dem ich nicht mehr der blonde Vogel bin, der irgendwie anders zwitschert. Wo Hornbrillenhipster unter all den Vollbarthipstern nicht mehr auffallen. In einer Welt, in der ich aus der Touristenmasse zwar heraussteche, aber nur, weil mein Italienisch deutlich besser ist als das, was die meisten Gäste dieser Stadt so von sich geben.

Den Flair von weiter Welt habe ich gleich genutzt und bin seit vier Monaten das erste Mal wieder ins Kino gegangen: In Rom läuft Almanya, der deutsche Film über eine türkische Familie auf dem Weg zu ihren Wurzeln, in italienischer Synchronisation. Das Kino ist voll, ein Saal voller Italiener schaut sich einen Film über die deutsch-türkischer Geschichte an, die Witze sind nicht nur auch in der Synchronisation ganz gut gelungen, sondern auch für mich verständlich. Trotzdem ist das alles kaum fassbar, ging meine Welt in den letzten Monaten doch immer nur vom Meer bis zum Berg und wieder zurück.

Vielleicht hat sich in mir das Klischeebild von einem Süditaliener aufgebaut, der sich nur um sich selbst kümmert, weil er eben auch aus seinem Selbst nicht herauskommt: Die Chance, direkt nach der Schule irgendwo anders hinzugehen scheint gering, aber verlockend. Nimmt man sie nicht, bleibt man auf dieser Insel namens Sizilien. Diesem Klischeebild stehen die Römer mit immerhin weltoffener Unfreundlichkeit gegenüber. Die ganze Stadt eine einzige Ausgrabungsstätte und man ist Stolz, dass jeder kommt, um mal zu gucken. 

Der Kontrast zwischen bitterer Armut und überbordenem Reichtum wird kaum irgendwo klarer als auf den Einkaufsstraßen Roms, mit Schlangen vor alle den großen Läden von Gucci und Co. Direkt gegenüber, auf der Spanischen Treppe, verkaufen Straßenverkäufer vermutlich aus mafiösen Strukturen heraus billiges Plastikspielzeug und Rosen in Massen mit merkwürdigen Methoden an die Frau und den Mann. Das Geld ist dort, wo der Türsteher sagt, dass du nicht rein darfst.

Am Ende bin ich heilfroh, nicht in diesem Chaos wohnen zu müssen. Irgendwo, wo die Straßen proppenvoll sind und ich niemanden kenne, sondern dort wohnen durfte, wo ich um kurz vor Acht auf dem Weg zur Arbeit immer die Selben treffe. Trotzdem fasziniert diese Stadt, ihre Weitläufigkeit, ihr ständiger Gesichtswandel und ihre Falten, die ihr die Geschichte ins Gesicht geworfen hat. Zurückkehren werde ich sicher, zu viele tolle Dinge warten darauf, getan zu werden, von den vatikanischen Gärten bis zum Sonnenuntergang am Piazza del Popolo. Am Ende freue ich mich aber auch wie nichts, als der Flieger kurz vor dem Meer abhebt und habe Tocotronic im Ohr: Aber hier leben, nein danke.

19: Grabvögel in Rom

Notizen aus Rom (3)

* I know where the pope shits. And this place isn’t in the woods.

* Mit der Strategie, mir nur ein paar Dinge anzugucken und den Rest einfach herunter fallen zu lassen gut gefahren. Collosseum und Forum Romanum habe ich beispielsweise ganz gelassen, Vatikan (leider ohne die Gärten) und die Gallerie Borghese aber mitgenommen. Unterm Strich stehen genug die Dinge, Orte und nette Erlebnisse, wegen denen es sich lohnt noch einmal wieder zu kommen.

* Lovely city, ugly metro. Berlin sticht.

Notizen aus Rom (2)

* Was Berlin braucht: Palmen und Platanen. Sowie dringend freies WLAN an öffentlichen Plätzen, wenn selbst die Italiener das so gut hinbekommen.

* Che bella città. Alles ist eine Ausgrabungsstätte, alles ist weiträumig und groß und überwältigend, der Hauptstadt gegenüber ist Palermo jedenfalls ein beengter Schweinestall.

* In der Villa Borghese ist sieben Tage im Voraus alles ausgebucht, online gibt es für den fast doppelten Preis noch Karten. Ein Schelm, wer böses denkt.

* Nachmittags kommt die Sonne raus, ich kaufe mir Saft und Salat und schaue sonnenbeschienen auf die unglaublichen Massen, die sich bereitwillig bei Gucci anstellen. Die braucht Berlin nicht.